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Was ist experimentelle Wirtschaftsforschung?

Die experimentelle Ökonomik ist vielleicht die aufregendste methodische Innovation in den Wirtschaftswissenschaften in jüngerer Zeit. Volkswirte führen Experimente aus dem gleichen Grund durch, aus dem Physiker oder Chemiker dies tun: Um etwas sehr sorgfältig unter kontrollierten und sauberen Laborbedingungen zu erforschen. Der einzige Unterschied ist, dass der Gegenstand der Untersuchung nicht ein subatomares Teilchen oder eine chemische Substanz ist, sondern menschliches Entscheidungsverhalten. Experimentalökonomen stellen Versuchspersonen also vor Entscheidungsprobleme und beobachten dann, was sie tun. Wichtig dabei ist, dass die Entscheidungen, die die Teilnehmer fällen, reale monetäre Konsequenzen für sie haben; es geht also um echtes Geld.

In der experimentellen Wirtschaftsforschung betrachtet man ein breites Spektrum an Entscheidungssituationen, die durch ganz grundlegende wirtschaftswissenschaftliche Fragen motiviert sind. Zum Beispiel: Wie verhalten Menschen sich, wenn sie mit „Risiko“-Situationen konfrontiert sind, in denen besonders gute, aber auch sehr ungünstige Ergebnisse möglich sind? Unter welchen Umständen und in welchem ​​Ausmaß beeinflusst das Streben nach Fairness oder Status wirtschaftliche Entscheidungen? Worum genau geht es den Leuten dabei, und wie robust ist das? Inwieweit und in welcher Weise verhalten Menschen sich strategisch? Welche Faktoren bestimmen die Wettbewerbsintensität von Märkten? Was sind die wahrscheinlichsten Ergebnisse in unterschiedlichen Verhandlungssituationen? Der experimentelle Ansatz hat sich als sehr erfolgreich erwiesen, um unser Verständnis hinsichtlich solcher Fragen zu verbessern.

Der experimentelle Ansatz ermöglicht es Forschern, Dinge zu tun, die mit der herkömmlichen Analyse von Felddaten schwierig zu erreichen sind. Zum Beispiel kann man Kontrafaktisches erkunden („Was würde passieren, wenn ...“), man kann quantifizieren, wie nah tatsächliche Ergebnisse (z.B. beobachtete Preise) und wünschenswerte Ergebnisse (z.B. effiziente Preise) beieinanderliegen, und man kann Ursache und Wirkung separieren. Auf diese Weise ergänzen Laborexperimente Felddaten-Untersuchungen und haben sich als wichtige Informationsquelle erwiesen, um ökonomische Theorien zu verbessern. Gelegentlich führen Volkswirte auch Feldexperimente durch. Dahinter steckt der Versuch, die Vorteile der Feld- und Laborforschung miteinander zu kombinieren.

Experimentelle Forschung hat teilweise auch direkten praktischen Nutzen, denn sie ermöglicht es Ökonomen und Entscheidern in Firmen und Organisationen, die wahrscheinlichen Folgen neuer Regeln abzuschätzen, bevor diese in die Praxis umgesetzt werden. Beispiele für diese Art von „Windkanal“-Experimenten sind das Design neuer Märkte, bessere Regeln für die Allokation knapper Ressourcen, effektive Anreizsysteme, neue Formate für Auktionen und Abstimmungsregeln oder sogar die Entwicklung wirkungsvollerer Mechanismen, um Spenden für gemeinnützige Zwecke zu einzuwerben.

In den bedeutendsten und faszinierendsten Beiträgen zur experimentellen Ökonomik geht es jedoch um elementare Fragen hinsichtlich der Grundpfeiler ökonomischer Theoriegebäude. Experimente erlauben es uns, sehr präzise zu untersuchen und zu hinterfragen, wie Menschen Entscheidungen in wirtschaftlichen Kontexten fällen. Wie sich dabei auch zeigt, sind manche der Befunde aus der experimentellen Forschung durchaus unbequem für Wirtschaftswissenschaftler. Sie werfen z.B. ernste Fragen hinsichtlich der Legitimität des traditionellen Konzepts des „Homo Oeconomicus“ auf, selbst als grobe Approximation von tatsächlichem Verhalten. Über die Jahre hat dies bereits teilweise zu einer schrittweisen Veränderung geführt in der Art und Weise, wie volkswirtschaftliche Modelle konstruiert und gerechtfertigt werden. Es gibt eine Debatte darüber, in welchem Ausmaß Modelle auf empirisch besser fundierten Annahmen fußen sollen. Auf diese Weise hat mithilfe der experimentellen Forschung eine spannende Erneuerung der Volkswirtschaftslehre eingesetzt.

Interessiert? Die Abteilung VWL an der Universität Mannheim bietet in ihren Bachelor- und Masterprogrammen verschiedene Kurse zur experimentellen Wirtschaftsforschung und verhaltensorientierter Ökonomik an. Darüber hinaus betreibt die Abteilung ein eigenes Forschungslabor, in dem regelmäßig experimentelle Studien durchgeführt werden: mLab.